Das erschöpfte Gehirn. Burnout als Folge eines Lebens gegen die eigene Natur.
- André Riehle

- 14. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Burnout wird fast immer gleich erklärt. Zu viel Arbeit, zu wenig Pause, zu hohe Erwartungen, zu viele Reize. Stress ist dann der Hauptschuldige. Das klingt logisch, es ist anschlussfähig, es passt in jede Talkshow. Nur. Es greift zu kurz.
Denn Stress allein macht keinen Burnout. Sonst müssten Menschen, die dauerhaft unter Druck arbeiten, automatisch ausbrennen. Einsatzkräfte, Unternehmer, Leistungssportler, Eltern in Kleinkindphasen. Manche kippen. Viele nicht. Das bedeutet, dass Stress eher ein Verstärker ist als die Ursache. Die eigentliche Ursache liegt tiefer. Und wenn man Burnout wirklich verstehen will, muss man genau dort hinschauen, wo es unangenehm wird.
Im Buch „Das erschöpfte Gehirn“ wird Burnout stark über einen biologischen Mechanismus erklärt. Im Zentrum steht der Hippocampus, eine Hirnregion, die unter anderem an emotionaler Regulation, Lernen, Gedächtnis und Orientierung beteiligt ist. Vor allem aber ist er Teil des Systems, das entscheidet, ob der Körper in Sicherheit ist oder in Alarm bleibt. Wird dieser Bereich über lange Zeit überfordert, weil der Organismus dauerhaft in Stresszuständen hängt und echte Regeneration ausbleibt, verändert sich das Gehirn. Das ist kein esoterischer Gedanke, sondern neurobiologische Logik. Wenn das Regulationssystem erschöpft ist, brechen nicht nur Leistung und Konzentration weg. Es kippt das ganze Erleben. Denken wird zäh, Entscheidungen fühlen sich an wie Bleigewichte, Emotionen schwanken zwischen Abstumpfung und Überreizung. Das Leben verliert Sinn, nicht weil der Mensch „undankbar“ ist, sondern weil das System nicht mehr in die Erholung findet, die es braucht, um sich selbst zu stabilisieren.
Das ist der medizinische Blick. Und er ist wertvoll, weil er die moralische Keule aus der Burnout-Debatte nimmt. Niemand ist faul, niemand ist zu schwach, niemand ist einfach nur schlecht organisiert. Da passiert etwas im Körper, das real ist. Nur bleibt für mich eine entscheidende Frage offen. Warum regeneriert dieses System nicht mehr. Warum bleibt der Hippocampus in Alarm, selbst wenn objektiv Ruhe da wäre. Selbst im Urlaub, selbst am Wochenende, selbst in Momenten, in denen man eigentlich runterfahren müsste.
Hier beginnt meine Perspektive und mein Ansatz. Und der ist radikal, weil er den Fokus verschiebt. Burnout entsteht nicht primär durch Stress. Burnout entsteht durch nicht gelebte Persönlichkeitsanteile.
Das klingt erstmal abstrakt, ist aber in der Praxis brutal konkret. Es geht um die innere Grundwahrheit eines Menschen. Um das, was er ist, bevor er gelernt hat, zu funktionieren. Wenn jemand über Jahre in einer Rolle lebt, die nicht zu ihm passt, kostet das Energie. Nicht die Energie, die man nach einer harten Trainingseinheit spürt. Sondern die stille, konstante Energie, die in Selbstkontrolle, Anpassung und innerer Überwachung verschwindet. Ein Mensch mit starkem Bedürfnis nach Autonomie, der sich permanent verbiegt. Ein kreativer Mensch, der nur noch in starren Regeln existiert. Ein sensibler Mensch, der sich täglich zwingt, hart zu sein. Ein intuitiver Mensch, der sich selbst beibringt, seiner Wahrnehmung nicht zu trauen. Ein Mensch, der Nähe braucht, aber gelernt hat, alles allein zu tragen. Das ist nicht einfach „ein bisschen unglücklich“. Das ist ein innerer Dauerwiderspruch.
Und dieser Widerspruch hat eine biologische Konsequenz. Das Nervensystem registriert ihn als Gefahr. Denn wenn ein Mensch innerlich dauerhaft erlebt, dass er nicht so sein darf, wie er ist, entsteht ein unterschwelliger Alarmzustand. Nicht dramatisch. Nicht immer bewusst. Aber konstant. Der Körper bleibt in einer Art Anpassungsmodus. Und genau dort schließt sich der Kreis zum Hippocampus. Wenn das System nicht wirklich Sicherheit erlebt, kann es nicht regenerieren. Es kann schlafen und trotzdem nicht erholen. Es kann Urlaub machen und trotzdem innerlich weiterlaufen. Es kann „alles richtig machen“ und dennoch erschöpft bleiben, weil das eigentliche Problem nicht fehlende Ruhe ist, sondern fehlende Stimmigkeit.
So entsteht der kausale Zusammenhang zwischen beiden Ansätzen. Das Buch beschreibt präzise, was im Gehirn passiert, wenn Regeneration ausbleibt. Meine Sicht setzt früher an und fragt, warum Regeneration überhaupt ausbleibt. Meine Antwort ist. Weil Menschen zu lange gegen ihre eigene Natur leben. Weil sie zentrale Anteile von sich selbst wegdrücken, kleinhalten oder verleugnen, um Erwartungen zu erfüllen, Konflikte zu vermeiden oder Sicherheit zu behalten. Und irgendwann reicht die Kraft nicht mehr, diese innere Spaltung aufrechtzuerhalten.
Burnout ist dann nicht der Beweis, dass jemand zu schwach ist. Burnout ist das Signal, dass jemand zu lange stark war, aber in die falsche Richtung. Es ist eine Notbremse. Nicht aus Schwäche, sondern aus Integrität. Der Körper zieht sie, wenn die innere Wahrheit zu lange ignoriert wurde.
Das verändert auch den Blick auf Lösungen. Stressmanagement kann helfen, es kann stabilisieren, es kann Symptome abmildern. Atemübungen, Routinen, Ernährung, Schlaf, digitale Hygiene. Alles sinnvoll. Aber es löst nicht den Kern, wenn der Kern ein Leben ist, das nicht zu dir passt. Nachhaltige Regeneration beginnt dort, wo du wieder anfängst, dich selbst zu erlauben. Nicht als Wellness-Satz, sondern als konkrete Entscheidung. Welche Teile von dir leben seit Jahren im Keller. Welche Wahrheit verschweigst du dir selbst. Welche Rolle spielst du so lange, bis dein Körper sie nicht mehr mitspielt.
Wenn du Burnout wirklich verstehen willst, dann schau nicht zuerst auf den Kalender. Schau auf deine Persönlichkeit. Auf deine innere Architektur. Und auf den Preis, den du zahlst, wenn du sie nicht lebst.
Wenn du das Gefühl hast, dass das hier dich trifft, dann ist das kein Grund für Panik. Es ist ein guter Hinweis. Nicht gegen dich. Sondern für dich. Und genau da beginnt der Weg zurück. Hier kannst du dein kostenfreies Erstgespräch bei mir buchen:




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